Neulich, im TV zwar leider, habe ich WANDA wieder gesehen, den einzigen Film der Schauspielerin Barbara Loden von 1970, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt.
WANDA ist auch einer dieser Filme aus der 'Kollektion der funkelnden Edelsteine' des New Hollywood Kino, 'mit diesem Wissen um die Stille' und eigensinniger Ausstattung. Ein Film, der recht unscheinbar daherkommt. Mit dieser langsamen Frau als Hauptfigur und diesem panischen Typ als ihr Partner, die so wunderbar anders unterwegs sind als BONNIE AND CLYDE. Ein Film, der ein bißchen so ist, wie die Bombe, die später auftaucht und die nicht hochgeht. Die nicht hochgeht, weil sie nicht hochgehen soll: Präzise und eigenwillig gebaut, aber ohne Dynamit. Sondern mit einem anderen Material...
WANDA fängt ganz dokumentarisch an. Kaum ein Vorspann, 3 Einstellungen einer tristen Kohle-Abbau-Landschaft, ein kleines Haus, ein schreiendes Baby, eine Kleinfamilie und schließlich eine junge Frau, verschlafen und unnütz auf dem Sofa liegend. "Es stört ihn, daß ich hier bin" sagt sie und meint den Mann ihrer Schwester, bei der sie vorübergehend untergekommen ist. Dann eine einsame Figur in der weiten Landschaft, die sich sehr langsam bewegt, ein weißer Punkt in der braunen Erde mit den tiefen schwarzen Baggerfurchen und den hie und da stehengebliebenen grünen Büschen. Die Dauer irritiert, weil das Bild zunächst keinen Sinn macht. Bis man erkennt, es ist Wanda, die da wie ein Fremdkörper mit ihren Lockenwicklern ganz langsam auf die Kamera zukommt und Kontur gewinnt, die Hauptperson des Films. Zu spät kommt sie zum Gerichtstermin ihrer Ehescheidung, der schon ohne sie begonnen hat und der in einer einzigen Einstellung erzählt wird. Wanda sagt auch nur, daß die Kinder bei ihrem Mann viel besser aufgehoben sind als bei ihr... Das ist ja auch so ein schöner Aspekt der Filme aus den Siebzigern, daß sie sich Zeit lassen für die Exposition ihrer Geschichten, die so nebenbei erzählt werden, un-dramatisch. Die sich, beeinflußt vom italienischen Neorealismus, allmählich aus der Wirklichkeit herausschälen. Mit einem besonderen Gespür für Dauer und Auslassungen. So läßt sich der Film dann wieder mehr Zeit dafür, zu zeigen, wie sich Wanda am nächsten Morgen in einem fremden Motelzimmer recht umständlich anzieht und ihre Lockenwickler sucht. Wie sie schließlich halb angezogen und ohne Lockenwickler dem Typ hinterherrennt, der ihr am Abend zuvor das Bier und schließlich die Nacht im Motelzimmer spendiert hat. Wanda schafft es gerade noch so, zu dem schon losfahrenden Fremden ins Auto zu steigen. Der will sie aber nur loswerden und läßt sie auch prompt an der nächsten Tankstelle stehen... Was soll man auch mit ihr anfangen? WANDA wirkt wie unter einer Dunstglocke, irgendwie neben sich, schweigsam und ohne Orientierung. Nicht willens, sich um Haushalt, Mann und Kind zu kümmern, zu langsam zum Arbeiten in der Fabrik und auch nicht sonderlich verführerisch. Zu nichts zu gebrauchen und so auch ohne Ort und ohne Schutz. Dann trifft sie auf Mr. Davies, einen unter extremer Anspannung stehenden Klein-Kriminellen, der sie auch schnell loswerden will, weil sie ihn bei seinem kleinen Überfall stört. Den sie aber in Beschlag nimmt und der sie schließlich mitnimmt in seinem Auto. Zusammen fahren die beiden durch die Staaten. Zwei zufällig zusammengewürfelte Menschen, nur dadurch verbunden, daß sie beide recht eigensinnig sind und irgendwie nicht passen. Die ihre Eigenheiten auch nicht sonderlich voreinander verbergen und die sich gegenseitig mit "stupid" und Mr. Davies ansprechen. Mr Davies agiert nervös, schnell und hat ständig diese Panik im Blick. Man kann ihm kaum in die Augen schauen, weil die Brillengläser so komisch getönt sind und die Brille viel zu groß. Das ist spannend, diese Requisiten und die körperlichen Besonderheiten der beiden. Ich muß an Gena Rowlands denken in A WOMAN UNDER THE INFLUENCE, wo sie so exponiert spielt, dass das den gesamten Film bestimmt. Dieses Schauspiel, das sich vom Körper auf den Raum überträgt und von dort auf den Rhythmus und die Stimmung des gesamten Films. Diese beiden Rhythmen der Personen, die da aufeinanderprallen, zunächst recht hilflos agieren, und sich langsam annähern: Wandas Trägheit und Mr. Davies' körperliche Nervosität. Zusammen kommen diese beiden Prinzipien erst bei einer Rast, wenn sich der Film vorübergehend mehr für den Flug eines Spielzeugflugzeuges interessiert, als für die Figuren. Der diesen zufälligen Moment einbaut in die Geschichte, ohne dass das als Bruch wahrgenommen wird. Da kommen sie sich ein bisschen näher, dieser panische Typ und diese langsame Frau. Beide ohne festen Boden unter den Füßen. Bestimmt keine Helden. Mr Davies möchte Wanda schließlich nicht mehr loswerden, nachdem sie sich auf sein Insistieren und mit seinem Geld ein bisschen um ihr Aussehen gekümmert hat und sich nach anfänglichem Widerstreben mit neuer Frisur und neuem Kleid darauf einläßt, seine Komplizin zu werden. Nach einer Art Schauspiel Training, in dem sie den Text für den Coup auswendig lernt, verkleidet sie sich als Schwangere und hebt beim Kidnapping ohne zu zögern die Knarre vom Boden, die Mr. Davies aus seiner zittrigen Hand gefallen ist. Der anschließende Banküberfall geht aber schief... Das hat aber wieder eher etwas mit TIMIMG zu tun, als mit Drama. WANDA kommt zu spät zur Bank und kann nur noch einen kurzen Blick auf ihren sterbenden Partner werfen. In der letzten Einstellung sieht man sie, schön zurechtgemacht, gemeinsam mit anderen Frauen in einer Bar sitzen: Sie trinken und rauchen...
Vielleicht ist es auch das, was wir so vermissen, diese Eigenheit der Menschen. Eine Eigenheit, die nicht thematisiert wird, sondern einfach ist. Ein innerer Zustand der Personen, der sichtbar wird im Körperlichen. Sich vom Körper auf den Raum und von dort auf den Rhythmus und die Stimmung des Films ausbreitet. Genauso wie die Geschichten, die sich aus der Wirklichkeit herausschälen. In denen sogenannte dramatische Situationen ganz undramatisch erzählt werden und die sich für undramatisches viel Zeit lassen. Diese selbstbewußt gestaltete Erzählweise mit diesen eigensinnigen Personen und der Beiläufigkeit ihrer Geschichten. Dieser beiläufige EIGEN-SINN...
WANDA, USA 1970 Buch und Regie: Barbara Loden Kamera und Schnitt: Nicholas T. Proferes Produktion: Foundation for Filmmakers, Bardene International Darsteller: Barbara Loden, Michael Higgins, Dorothy Shupenes, Peter Shupenes, Jerome Thier, M.L Kennedy u.a. Länge: 110’ Format: 1:1,85 / Farbe