OM: Vom Mönch zum Skinhead in drei Minuten
Die Filme von John Smith
Ungefähr einmal im Jahr kommt es vor, dass mehr als nur ein kurzer Experimentalfilm an einem Abend im Fernsehen gezeigt wird. Ich erinnere mich an die Ausstrahlung der Landschaftsfilme von James Benning auf dem WDR als letztes Ereignis (war das schon 2002?) Und nun, an einem Dienstagabend vor 23:00 Uhr liefen sie auf 3Sat, unkommentiert, eingebettet zwischen den Ösinachrichten und einer Vorschau für die Spätwesternreihe: die Kurzfilme von John Smith. Keine Ansage, keine Erklärung (bei der ARTE-Ausstrahlung von Oshimas "Im Reich der Sinne" musste Schlöndorff ja vorher noch rumspringen und, äh, erklären ... (?))
Nichts ist so, wie es scheint. Bei unzähligen Trailern und Kinoplakaten tauchte dieser Satz schon auf. Mit einem kleinen Zusatz könnte er auch das Werk von John Smith charakterisieren: Nothing seems like it was - of course stupid, we're watching a movie! Häufig beginnen seine Filme in unspektakulären Settings und enden dort auch wieder, nur dass sich der Inhalt der Bilder währenddessen nicht selten in sein Gegenteil gedreht hat. Manipulieren, nein, das würde Smith nicht, er weiß nur, wie präzise er mit Kadrierung und Schnitt umzugehen hat. In "OM" (1986, 3 Min) beispielsweise sieht man in Großaufnahme und unbewegter Einstellung einen jungen Mann mit Glatze von den Schultern aufwärts. Er trägt einen orangefarbenen Umhang und vom unteren Bildrand her steigt Rauch auf. Aus dem Hintergrund tönt ein lang gezogenes "Ommmmmm". Alles klar, ein buddhistischer Mönch mit Räucherstäbchen, mal abwarten. Nach einiger Zeit, in der nichts passiert, identifizieren wir das Meditationsbrummen allmählich als das Summen eines elektrischen Haarschneiders, der – dann im Bild - die letzten Haare des Mönchs entfernt. Nach vollendeter Rasur, nimmt der dann seinen Umhang ab, unter dem die typischen Insignien von englischen Skinheads versteckt sind wie Hosenträger und weißem T-Shirt. Es war also kein Mönch, der da meditierte, sondern ein Skinhead beim Friseur, und der Rauch kam nicht vom Räucherstäbchen sondern von seiner Zigarette, an der er am Schluss noch einmal zieht. Bei seinem vielleicht bekanntesten Film “The Girl Chewing Gum” von 1976 spielt Smith auf nicht weniger amüsante Weise mit der Wahrnehmung des Zuschauers. Knapp zehn Minuten lang zeigt er uns eine Einstellung in East London, eine Straßenkreuzung am Nachmittag, im Hintergrund ist die ganze Zeit über das penetrante Klingeln einer Alarmglocke zu hören. Ein Off-Narrator kündigt mit dem Duktus eines Regisseurs, der Anweisung während des Drehs gibt, an, was gleich passieren wird. Also, kurz bevor ein Auto von rechts nach links durch das Bild fährt, hören wir „Okay, jetzt der Wagen von rechts. Ja, danke.“ Oder: „Der Mann mit dem Jackett, bitte jetzt an der Nase kratzen“, was dann auch passiert. Smith eignet sich damit eine ganz gewöhnliche Szenerie an, macht sich zum Herrn über sie und beweist damit also einmal mehr (aber auf amüsante und intelligente Weise), dass es keine dokumentarische Aufnahme geben kann. Bald kommt er jedoch vom Thema ab, zoomt auf und ab und als das Treiben vor der Kamera plötzlich hektischer wird, schafft er es nicht mehr, kurz vor den Geschehnissen zu sein, sondern sein Kommentar hinkt leicht nach, wodurch zu einem bloßen Kommentator der Realität wird. Das fängt er dann aber ab, indem er sich auf einen jungen, männlichen Passanten konzentriert, der mit den Händen in der Tasche an der Kamera vorbeiläuft. Smith schwenkt mit und behauptet, dass dieser Mann soeben eine Bank überfallen habe und nun versucht, unerkannt zu entkommen, den Revolver fest umklammert in seiner schweißnassen Hand. Dieser Passant sei auch der Grund für die Alarmanlage, die die ganze Zeit zu hören ist. Während er diesen Mann mit dem Kameraschwenk nach rechts verfolgt, sieht man auch endlich, wo genau Smith die Szene aufgenommen hat: Neben einem Kino!
Aber Smith kann auch (etwas) anders. Der fast halbstündige Film „The Black Tower“ (1987) erzählt eine subjektive mental-illness-Geschichte. Dabei sieht man den Film aus dem subjektiven Blick der Hauptperson, die die Geschichte aus dem Off erzählt. Sie wundert sich anfangs über einen Wasserturm, den sie an verschiedenen Orten sieht. Nach und nach jedoch merkt man, dass das Leben des Erzählers immer mehr von diesem Turm beherrscht wird, bis er geistig soweit verwirrt ist, dass er erst in der Psychiatrie landet (wo dieser Turm auch steht) und dann seinen Tod findet. Smith komponiert diese Geschichte in ruhigen Bildern, die den Zuschauer zwar schnell in den Bann der Story ziehen, aber eine zweite Ebene offen lassen: so schneidet er immer wieder farbige Kader ein, die er mit bestimmten Tönen kombiniert. Außerdem erscheint oft ein fast ganzflächiges Schwarz. Bei genauem Hinsehen tauchen aber all diese Farbkader entweder in der Erzählung oder im Bild selbst später wieder auf. Was anfangs wie eine poststrukturelle Spielerei aussah verdeutlicht noch den Zwang, dem der Erzähler in der Geschichte unterworfen ist.
Glücklicherweise zeigte 3Sat auch einen der schönsten Experimentalfilme überhaupt: John Smith’ "Blight" von 1996. Der fünfzehnminütige Augenschmaus kommt ein bisschen dokumentarisch daher. Als in East London die Verbindungsstraße M11 gebaut wurde, mussten eine Menge Häuser abgerissen werden, deren Bewohner eigentlich nicht hatten umziehen wollen. Aus kurzen Einstellungen eines Hausabrisses, der rhythmisch montierten Tonspur sowie beinahe melodisch eingesetzten Interviewfragmenten mit den einstigen Bewohnern, entsteht ein unglaublich exzellent komponierter Film, eine Symphonie über Erinnern und Vergessen. Besonders eindrücklich an diesem Film ist nicht nur die fast berauschende Farbfotografie sondern auch das, was sonst Qualitätsmerkmal der Smithschen Filme sowie von Kino im Idealfall ist: Kadrierung + Montage + intelligente Tonspur. Auch hier gibt es wieder die kurzen Farbkader, die den Bilderfluss unterbrechen. In diesem Fall sind sie, wie man später sieht, dicht an der Kamera vorbeifahrende Autos, Symbole für die Gegenwart (die Straße, wegen der der ganze Abriss stattfindet), die die dahinter liegende Erinnerung verdeckt und fragmentiert aber von Zeit zu Zeit den Blick auf sie auch freigibt.
Beeindruckend dabei ist außerdem, wie genau Smith bei dem Film arbeitet. So erzählt einer der Bewohner im Off eine Kindheitserinnerung, in der sein Vater für ihn immer die Spinnen im Klo töten musste, bevor der Junge sich auf die Toilette traute. Kurz zuvor fiel dem Zuschauer der Ellenbogen eines am Abriss beteiligten Arbeiters auf, den das Tattoo eines Spinnennetzes zierte.
Es sind diese präzisen Beobachtungen, die die Kurzfilme von Smith so interessant machen. Gepaart mit einem Gespür für Sinnlichkeit und einer Portion englischen Humors, gehören sie zu dem Sehenswertesten, das der englische Experimentalfilm hervorgebracht hat. Danke, 3Sat!
The Girl Chewing Gum Blight
P.S: Der neueste Film von John Smith, „Worst Case Scenario“, lief dieses Jahr auf dem European Media Art Festival in Osnabrück. Eine Beschreibung desselben bestätigte all die oben aufgestellten Qualitätsmerkmale. Festivalbericht und Filmbeschreibung auf cinetramp.de.
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