Im Muotatal, im Innersten der Schweiz, dem Kanton Schwyz, erheben sich die Berge steil in den Himmel. An den fast senkrechten Hängen kleben, über der Baumgrenze und unmittelbar unter den nackten Felsen, saftige Wiesen die niemandem gehören oder eben denjenigen, die sie bewirtschaften: den Wildheuern.
Seit unzähligen Generationen haben sich immer am 1. August (dem schweizerischen Nationalfeiertag) die ärmsten der armen (die landlosen?) Bauern vom Tal aus auf den beschwerlichen Aufstieg gemacht, um sich punkt sieben Uhr morgens in einer Hütte vor den kilometerweit verstreuten Matten zu treffen und per Losentscheid einander die sorgfältig aufgeteilten Flächen zuzuweisen. Nach einem Bittgebet um Beistand bei der gefährlichen Tätigkeit und dem Gedenken an gestorbene Kollegen sowie einem Kaffee mit "etwas Geistigem" ging es dann los. Mit breiten, mit Eisen beschlagenen Holzschuhen kraxelten die Bauern mit Sensen die Hänge entlang und mühten das saftige Gras von Hand. Danach wurde das getrocknete Heu in bis zu hundert Kilogramm schwere Bündel gebunden, zu einer rudimentären Seilbahn geschleppt und daran direkt vor die Scheune unten ins Tal befördert. Diese beschwerliche Arbeit haben sich nur Männer angetan, die auf sie angewiesen waren, die zu Hause eine Familie zu ernähren hatten und kein eigenes oder zu wenig Land besaßen.
Erich Langjahrs Film darf getrost sowohl als filmisches wie auch als ethnologisches Ereignis bezeichnet werden. Indem er die letzten heute noch aktiven Wildheuer begleitet, gelingt ihm ein von jeglicher Folklorisierung und medialer Verkitschung freier Blick auf eine ländliche Tradition und der Pflege gemeinschaftlicher Identität. Das kann in der gegenwärtigen Trostlosigkeit medialer Vereinnahmung ländlicher Themen - von "Musikantenstadl" bis zu "Bauer sucht Frau" - gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Die heutigen Wildheuer müssen nicht mehr aus wirtschaftlichen Gründen an den Berg. Sie machen es um ihren Ahnen zu gedenken und sie halten damit die Erosion auf, sie sind also auch Umweltingenieure. Wenn man jedoch den 88 jährigen Bauer Gwerder sieht, wie er - seit über sechzig Jahren dabei - den Kaffee trinkt, die morgendliche Verlosung beobachtet oder vor der Hütte sitzend die Holzhaken richtet, an denen später die Bündel ins Tal hinunter sausen, dann kann man erahnen, was den Männern diese Arbeit bedeutet.
In ruhigen Bildern ist Langjahr bei der Arbeit. Schnell stellt sich das Vertrauen ein, bei allen wichtigen Abläufen der Wildheuerei dabei zu sein. Wir nehmen Teil am Zimmern und Beschlagen der Holzschuhe; wir erleben die Urform des Jodelns, nämlich als Kommunikationsform von Tal zu Berg; unser Blick gleitet mit den virtuos gehandhabten Sensen über das fallende Gras; im Winter fahren wir mit den großen Handschlitten auf denen die Bündel von der Scheune zum Verkauf gefahren werden und am Ende nehmen wir Teil an Musik und Tanz, sehen wie die Holzschuhe auch für einen hoch rhythmischen Stepptanz Verwendung finden und entdecken den Besentanz. Und plötzlich sind Jahrzehnte lange Verwüstungen an ländlicher Volksmusik durch dämliche Dirndlträger, lockige Gemütlichkeitshanswürste und all den anderen Heinos dieser Welt wie weggefegt. Plötzlich leuchtet die wahre Sprache dieser Musik. Eine Sprache die von der Kunst des Überlebens, von der Freude dieses Lebens und von der Gewitztheit erzählt, die notwendig ist, um in ihm zu bestehen.
Übrigens: wenn Sie wissen wollen, wie das Wetter wird, beobachten Sie die Ameisenhaufen. Wenn die Tierchen arbeiten, wird es ein sonniger Tag, das heißt, Sie können mit dem Mähen anfangen und das Gras trocknen lassen. Laufen die Tierchen ziellos herum und tragen keine Lasten, wird es regnen, also warten Sie noch mit der Heuernte.
DAS ERBE DER BERGLER CH 2006 Buch, Kamera, Schnitt und Regie: Erich Langjahr Musik: Hans Kennel Produktion: Langjahr Film Verleih: Eigenverleih Länge: 97' Start: 22.11.2007