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51. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Ein guter Kurzfilm ist ein Film, der zu kurz ist. Naturgemäß besteht ein Kurzfilmfestival aus vielen zu langen und überflüssigen Filmen, die in Oberhausen zwar zu sehr stimmigen Programmen zusammengefasst werden, welche sich aber meist nur aushalten lassen, weil ein guter Kurzfilm „abendfüllend“ nachklingt.


Die Ausbildung an einer Filmhochschule ist in Deutschland die zweitteuerste, gleich nach der Astronautenausbildung. Logisch, dass eine Haushaltssperre auch in diesem Bereich greifen muss: HFF-Absolvent Till Passow konnte somit seinen Diplomfilm „Mast Qalandar“ nur als Beta-SP und nicht als 35mm-Blow-up vorstellen. Der halbstündige Film zeigt das jährlich stattfindende Sufi-Fest der Vereinigung Mast Qalandars mit Allah, an dem jährlich Millionen Pilger teilnehmen. In bunten Bildern versucht Passow den Rausch und die Ekstase dort einzufangen und ins Kino zu transferieren. Früher mussten die Hippies noch eine Reise in den Süden Pakistans auf sich nehmen, heute muss ein Besuch im Kino reichen, dachte sich wohl Passow. In der Tradition des Cinéma Vérité werden Szenen ohne erklärenden Off-Kommentar aneinander gereiht, wobei sich Passow in der Tradition des Exotismus’ auf die Sensationen konzentriert. Wo Jean Rouch oder auch Raymond Depardon das Medium noch als transparenten Schleier nutzten, durch den man die „fremden“ Kulturen kennen lernen konnte, ist bei Passow der Film eine Wand, auf die er projiziert, was er zu finden hoffte: bunte, außergewöhnliche, fremd scheinende Menschen, die unerklärlichen Ritualen nachgehen und sich tagelang im Rausch und Exzess befinden. Stellt man sich Rouch und Depardon als lächelnde Männer hinter der Kamera vor, die sich für die Menschen vor der Kamera und ihre Kultur interessieren, so erscheint der Regisseur von „Mast Qalandar“ als schwitzender Europäer, der seinen Kameramann hektisch gestikulierend auf die Frau mit den langen Haaren aufmerksam macht, die dort wild ihren Kopf schüttelt oder sich freut, dass er im Vorbeigehen noch schnell eine Frau filmen konnte, die sich immer wieder ihren Kopf an einem Türrahmen blutig schlägt. Hätte man in Oberhausen die 35mm-Kopie zu sehen bekommen, man wäre natürlich sprachlos geblieben, ob der Fülle bunter Bilder und unbekannter Bräuche. Ohne Kürzungen im kulturellen Bereich zu befürworten, in diesem Fall ist sie didaktisch zu verstehen …
  Ein „Genre“, das sich durchaus für den Kurzfilm eignet und darüber hinaus seit seinem Entstehen beinahe ganz ohne Geld auskommen musste, ist der Experimentalfilm. Lange Filme bilden hier eher die Ausnahme. Eine solche Ausnahme ist beispielsweise der großartige „Zorns Lemma“, in dem Hollis Frampton u.a. 45 Minuten lang Graffiti aus dem urbanen Raum alphabetisch hintereinander montiert. Dabei wird jedes Graffiti eine Sekunde lang gezeigt, bis das nächste kommt. Immer von a bis z und wieder von vorne. Da Wörter mit ungewöhnlichen Anfangsbuchstaben natürlich nur selten vorkommen, laufen diese irgendwann aus, und den Platz  nimmt dann bei jedem Durchlauf ein bestimmtes zugeordnetes Bild ein. Einen würdigen Nachfolger dieses Klassikers, welcher natürlich nicht in Oberhausen zu sehen war, ist „Counter“ von Volker Schreiner. Oberhausen2Der Videokünstler, der es in seinem Werk wie kaum ein anderer geschafft hat, den Gedanken des strukturellen Films auf das Medium Video zu transferieren, hat in „Counter“ aus einer Fülle von Spielfilmen immer genau die Bilder herausgenommen, in denen eine Zahl zu sehen ist. Diese Ausschnitte – jeder 31 Frames lang – wurden dann in Reihenfolge gebracht, so dass der Film in fast sechs Minuten von der Zahl 266 bis 0 rückwärts zählt. Einige Sekunden benötigt man schon, um zu erkennen, was das strukturierende Element für die scheinbar wahllos hintereinander gereihten Ausschnitte ist, dann ist es aber ein großer Spaß. Man konzentriert sich schnell auf das Finden der Zahl im Bild, Zahlen, die sich teilweise so im Bildhintergrund befinden, dass sie einem im Spielfilm, in dem ja die Handlung den Blick steuert, selbst nie aufgefallen wären; Zahlen, die teilweise auch nur durch das Tippen einer Telefonnummer entstehen. Zusätzlich nimmt Schreiner teilweise auch noch eine inhaltliche Ordnung der Ausschnitte vor, wenn beispielsweise einige Male durch verschiedene – aber „korrekt be-zahlte“ - Türen geschossen wird. Dass Schreiner seinem Konzept mittels Bildbearbeitung nachgeholfen hat, verleugnet er dabei nicht, im Gegenteil: ein Teil des Humors entsteht auch dadurch, dass man kurz hintereinander ein und den selben Ausschnitt sieht, jeweils aber mit einer anderen Zahl! „Counter“ ist, wie auch Framptons „Zorns Lemma“, ein Lehrstück über das „Lesen“ von Filmbildern. Das wird spätestens beim darauf folgenden Film im Programm deutlich, wenn auch dort versucht wird, die Bilder nach Zahlen abzusuchen. Womit sich die Ausgangsthese, nach der ein guter Kurzfilm noch lange nachhallt und den folgenden Film überlagert, auch für den Experimentalfilm bewiesen wäre.
Oberhausen3Einer der nachhaltigsten Spielfilme war „Dan-Sok-Pyung-Hyung“ (21 Minuten, 35mm) der Koreanerin Son Kwang-Ju. Ein Mann trifft sich darin mit einer jungen Malerin in einem Klassik-Café namens Brandenburg. Da sie sich noch nicht lange kennen, befürchtet er, nach seinem Hobby, der klassischen Musik, gefragt zu werden. Die noch imaginäre Frage nach seinem Lieblingskomponisten bereitet ihm arges Kopfzerbrechen und der Tag ist bis zu dem Treffen durchdrungen von der Suche nach der Antwort: Das Autoradio diskutiert mit ihm über Chopin, Beethoven und Mozart und Straßenverkäufer prügeln sich bei der Frage, ob die Zukunft der Musik bei Schönergs Serialität oder Weberns freier Tonalität läge. Dabei handelt der Film nicht nur von der Vermischung der ‚Realität’ mit der eigenen Passion und dem dadurch entstehenden Blick auf eben diese Realität, sondern auch von der Vermischung verschiedener Zeiten, Stile und Epochen. Somit wird während der europäischen Kunstgeschichte auch noch kurz der rasante wirtschaftliche Aufstieg Südkoreas in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts abgehandelt. Das ganze ist dann auch noch mit Zitaten an Filme und Praktiken Godards gespickt, wie zum Beispiel Erschießungen mit Spielzeugpistolen auf einem Autofriedhof (der Einfluss Godards wird noch deutlicher bei einem Blick auf die Website der Regisseurin, die in Anlehnung an ihren Namen Son Kwang-Ju www.ksonimage.com lautet – Godards Produktionsfirma heißt „sonimage“). Am Ende dieses überaus erfreulichen Films wird der Mann von der jungen Künstlerin im Café dann nach seinem Lieblingsmaler gefragt, was ihn – nachdem er endlich einen Kompromiss für die Ausgangsfrage des Films gefunden hat – in eine weitere tiefe Sinnkrise stürzt.
  Auch wenn die Frage nach dem Lieblingsfilm der diesjährigen Oberhausen-Ausgabe mangels ernsthafter Alternativen viel leichter fällt, die Antwort auf das Lieblingskurzfilmfestival muss dieses Jahr doch lauten: Oberhausen! Das gründet sich zum einen auf den „Service“: die einzelnen Filme in den Programmen sind sorgfältig aufeinander abgestimmt, alle Filme werden, wenn nötig, deutsch und/oder englisch über Kopfhörer eingesprochen und die Diskussionen im Anschluss sind gut vorbereitet und werden engagiert geführt. Einziger (kleiner) Minuspunkt: Leider ist die Zeit zwischen den Programmen zu kurz bemessen, so dass man sich oft zwischen Diskussion und weiterem Programmblock entscheiden muss. Zum anderen konnte aber auch der diesjährige für das Sonderprogramm eingeladene Kurator Marcel Schwierin mit seiner Auswahl „Der gefallene Vorhang. Das Ich und das Andere seit 1989“ überzeugen. Seine 15 Programme setzten hervorragend Kurzfilme zueinander, die pro Programmblock unter unterschiedlichen Perspektiven das Thema „Das Ich und das Andere“ thematisierten, innerhalb dieser Themen aber auch immer die Sicht aus Ost und West gegeneinander setzten. Der Schwerpunkt lag dabei oft auf postsowjetischen Filmen bzw. solchen, die noch kurz vor der Wendezeit entstanden sind. Vor allem mit dieser Reihe, die verdeutlicht, wie sehr Kurzfilme in einem Programm voneinander abhängen und mit einer geschickten Reihung Intentionen des „Kurators“ artikuliert werden können, macht Oberhausen deutlich, wo der Weg für ein zeitgenössisches Kurzfilmfestival liegt, wenn man davon ausgeht, dass jedes Festival mehr oder weniger gleichviel gute (und vor allem nichtssagende) Produktionen angeboten bekommt: in der Präsentation.

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[Florian Krautkrämer]
   07.06.2005

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