Willkommen im Club - Der Deutsche Filmpreis im Jahre Null
Zum ersten Mal vergab die Deutsche Filmakademie den Deutschen Filmpreis. Mit sechs Auszeichnungen für ALLES AUF ZUCKER!, darunter „Bester Spielfilm“, „Beste Regie“ und „Bester Hauptdarsteller“, ist Dani Levys gefälliger Fernsehfilm der große Gewinner des bundesdeutschen Kinojahrgangs 2004/2005.
Am Ende war es ein Abend ohne Überraschungen. Diese hatte es bereits im Frühjahr bei der Bekanntgabe der Nominierungen gegeben, als Bernd Eichingers für den Oscar nominierte Produktion DER UNTERGANG in der Vorauswahl fast gänzlich leer ausging und lediglich in drei Darsteller-Kategorien beachtet wurde. Ein Affront gegenüber Eichinger, den Mitinitiator der Deutschen Filmakademie, in dem manch einer aber einen Beweis für die Unabhängigkeit des neuen Wahlverfahrens sah, bei dem etwa 650 Akademie-Mitglieder („geborene“ wie „gekorene“!) in geheimer Abstimmung über die Vergabe des am höchsten dotierten Kulturpreises der Bundesrepublik entscheiden. Immerhin verteilt hier eine Branche – mit dem Segen der Kulturstaatsministerin – knapp drei Millionen Euro Steuergelder unter sich selbst und wehrt sich gleichzeitig gegen den Vorwurf der Selbstbedienung; ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Unabhängigkeit in der Abstimmung mag schon sein, die Glaubwürdigkeit allerdings hatte die Deutsche Filmakademie auf diese Art bereits im Vorfeld der Verleihung auf's Spiel gesetzt. Schließlich sind vergleichbare nationale Preise, die von den Akademien in anderen Ländern vergeben werden (und mit denen sich die neu gegründete Deutsche Filmakademie selbst gerne vergleicht) in der Regel undotiert – was dort eine Frage der Ehre ist, sieht man hierzulande wesentlich pragmatischer.
Vor diesem Hintergrund schwang bei den beiden am stärksten betonten Vokabeln des Abends, „Stolz“ und „Selbstbewußtsein“ (des deutschen Films), ein etwas schaler Beigeschmack mit. Zum Stolz sein aber hatte Dani Levy allen Grund, schließlich war für ALLES AUF ZUCKER! zunächst gar keine Kinoauswertung vorgesehen. Daß der mit zehn Nominierungen ins Rennen gegangene Fernsehfilm noch vor DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI, dem ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag in Cannes seit Jahren, der Gewinner des Abends sein würde, war jedoch vorauszusehen. Was allerdings der Preisregen für Levys Film für die Entwicklung der Filmsprache in diesem Land, die ästhetische und dramaturgische Differenzierbarkeit der Produktionen zwischen Leinwand und Fernsehschirm, bedeutet, bleibt abzuwarten. Fest steht, die Konturen zwischen Kino- und Fernsehproduktionen verschwimmen immer mehr; dieser Tatsache haben die Mitglieder der Deutschen Filmakademie mit ihren Entscheidungen – ob gewollt oder nicht – mit erstaunlicher Offenheit und Demut Rechnung getragen.
Verleihungen wie die der Deutschen Filmpreise wollen (und sollen) auch personifiziert werden. In den Schauspieler-Kategorien war es abermals ALLES AUF ZUCKER!, der dem UNTERGANG die Show stahl. Der Darsteller-Preis für Henry Hübchen in Dani Levys Film zeugt von einer gewissen Konsequenz und an Julia Jentsch als beste Darstellerin für ihre Rolle in SOPHIE SCHOLL – DIE LETZTEN TAGE kam die Akademie sowieso nicht vorbei – nach dem Silbernen Bären für Jentsch auf der Berlinale im Februar stellte sich eigentlich gar keine andere Wahl. Ähnlich leicht fiel die Entscheidung für RHYTHM IS IT! in der Kategorie Dokumentarfilm; das Votum hatten mehr als 500.000 Besucher an der Kinokasse bereits indirekt vorweggenommen.
Der Deutsche Filmpreis 2005: Formal hob sich die Zeremonie von den langweiligen bis peinlichen Veranstaltungen der vergangenen Jahre leicht positiv ab. Nach wie vor aber werfen die neuen Nominierungsrichtlinien noch diverse Fragen auf. Eine Akademie, die auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner ist und der es nicht gelingt, die innovativen „Randfiguren“ im deutschen Film (wie z.B. Petzold, Schanelec oder Hochhäusler) zu integrieren, läuft Gefahr, sich in einen allzu selbstgefälligen, elitären Zirkel zu verwandeln und stellt langfristig ihre Legitimation in Frage. Ein Anfang ist gemacht, es gibt aber noch viel zu tun. Und vielleicht werden irgendwann auch die Filme wieder besser.
Die Preisträger des Deutschen Filmpreises 2005:
Bester Spielfilm ALLES AUF ZUCKER! (Gold)
SOPHIE SCHOLL – DIE LETZTEN TAGE (Silber) DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI (Silber)
Bester Dokumentarfilm RHYTHM IS IT!
Bester Kinder- und Jugendfilm LAURAS STERN
Beste darstellerische Leistung – weibliche Hauptrolle JULIA JENTSCH in „Sophie Scholl – Die letzten Tage“
Beste darstellerische Leistung – männliche Hauptrolle HENRY HÜBCHEN in „Alles auf Zucker!“
Beste darstellerische Leistung – weibliche Nebenrolle KATJA RIEMANN in „Agnes und seine Brüder“
Beste darstellerische Leistung – männliche Nebenrolle BURGHART KLAUßNER in „Die fetten Jahre sind vorbei“
Beste Kamera HANS-GÜNTHER BÜCKING („Schneeland“)
Bester Schnitt DIRK GRAU, MARTIN HOFFMANN („Rhythm is it!“)
Bestes Szenenbild ARI HANTKE („Der neunte Tag“)
Bestes Kostümbild LUCIE BATES („Alles auf Zucker!“)
Beste Filmmusik NIKI REISER („Alles auf Zucker!“)
Beste Tongestaltung GREGOR KUSCHEL, HUBERTUS RATH, THOMAS RIEDELSHEIMER, CHRISTOPH VON SCHÖNBURG, MARC VON STUERLER („Touch the Sound“)
Bestes Drehbuch HOLGER FRANKE, DANI LEVY („Alles auf Zucker!“)