Im Leerlauf gegen die Wand Deutsche Filme bei den 54. Internationalen Filmfestspielen Berlin
Um es gleich vorneweg zu sagen: Der mit Spannung am meisten erwartete neue deutsche Film, Angela Schanelecs MARSEILLE, war auf der diesjährigen Berlinale nicht zu sehen. Die Regisseurin hatte eine Einladung des Festivals in Cannes erhalten und diese wohlweislich einer Premiere am Potsdamer Platz vorgezogen – wer wollte es ihr verübeln? Aber auch ohne Angela Schanelec war das deutsche Kino wohlwollend vertreten – quantitativ zumindest. Mit Fatih Akins GEGEN DIE WAND und Romuald Karmakars DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER konkurrierten zwei formal diametral entgegengesetzte Werke miteinander im Wettbewerb, im Panorama liefen u.a. Achim von Borries’ WAS NÜTZT DIE LIEBE IN GEDANKEN sowie M.X. Obergs jüngster Film THE STRATOSPHERE GIRL und die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ präsentierte in ihrem dritten Jahrgang eine Auswahl von rund 200 eingereichten neuen deutschen Produktionen. Nach den Erfolgen, die das deutsche Kino letztes Jahr sowohl national als auch international zu verbuchen hatte, galt es, die Hoffnungen bestätigt zu wissen oder wieder zu verwerfen. Nach elf Tagen Festivalmarathon fällt die Bilanz nun eher nüchtern aus. Trotz berechtigtem Goldenen Bären für Fatih Akins GEGEN DIE WAND gab es ansonsten jede Menge Leerlauf zu sehen.
Bereits der Eröffnungsfilm der „Perspektive“, Nicolai Albrechts erster Long-Métrage MITFAHRER, geriet zu einer Reise ins Nichts mit klischeehaften Charakteren. Typen verschiedenster Couleur begeben sich mit dem Auto auf die Fahrt von Westdeutschland nach Berlin. In drei Autos finden sich so die drei Wageninhaber, ein Bademodenverteter, die Studentin und eine gerade frisch von ihrem Mann getrennte Frau mit ihren jeweiligen Mitfahrern: Ein sich illegal in Deutschland aufhaltender Afrikaner, ein Teenager, der in der Hauptstadt ein Wochenende lang Party erleben will, ein stilles schüchternes Mädchen sowie ein in hierzulande gestrandeter Russe. Einen Kaleidoskop verschiedenster Figuren schickt Nicolai Albrecht auf die Reise gen Berlin, doch für den Regisseur scheint der Weg nicht das Ziel zu sein. Vielmehr verzettelt er sich in endlos geschwätzigen Paraphrasen seiner Charaktere, verkennt in seiner Erzählweise die Bedeutung von Raum und Zeit für das Genre und liefert visuell ein zutiefst einfältiges Werk ab. Somit stellt MITFAHRER letztendlich nichts anderes als die Dekonstruktion des Genres „Road Movie“ dar. Ebenfalls in der „Perspektive Deutsches Kino“ lief Marcus Mittermeiers MUXMÄUSCHENSTILL, der bereits Ende Januar beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken mit dem Hauptpreis sowie dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde (mit welchem Grund, das sei an dieser Stelle einmal ganz offen gefragt!). In einer Art Nummernrevue auf dem dramaturgischen Niveau von OTTO – DER FILM lässt Mittermeier seinen Protagonisten Mux die ach so schlechte Welt in seinem Alltag zurechtrücken. Der selbsternannte Sheriff vollzieht in bester Selbstjustiz-Manier seine Streifzüge durch die Stadt und erzieht mit mehr oder weniger rabiaten Methoden seine Mitmenschen, indem sie sich für ihre Bagatelldelikte an Ort und Stelle verantworten müssen. Eine nicht enden wollende Aufgabe, die sich Mux da auferlegt hat; schnell floriert das „Geschäft“ und es müssen Hilfssheriffs engagiert werden, denn es gibt noch endlos viel „aufzuräumen“. Was eine augenzwinkernde Parodie mit selbstironischem Antlitz hätte werden können, gerät bei Mittermaier zu einem „Educational Movie“ par excellence, das in seinem moralischen Impetus zutiefst reaktionär daherkommt. So bleibt Mittermeiers Film (oder besser: Video) ein Werk für Claqueure und solche, die es werden wollen. Schon Billy Wilder befand einst: „Wenn Du eine Botschaft verschicken willst, benutze die Post, aber mache keinen Film.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Auch Jan Krügers UNTERWEGS kam frisch prämiert nach Berlin. Wenige Tage zuvor war der Film auf dem Internationalen Filmfestival in Rotterdam mit dem „Tiger Award“ für den besten Nachwuchsfilm ausgezeichnet worden. Doch leider scheint auch diese Auszeichnung kein Gütesiegel mehr zu sein. Krüger schildert in UNTERWEGS eine Urlaubsidylle, die nach und nach durch das Auftauchen eines Fremden gebrochen wird. Sandra verbringt ihren Urlaub mit Freund Benni und Tochter Jule auf einem Campingplatz im Brandenburgischen, als plötzlich mit Marco jener Fremde in ihr Leben tritt, der das Fundament der Beziehung zwischen Sandra und Benni ins Wanken geraten lässt. Mit deutlichen Anleihen an Polanskis MESSER IM WASSER legt sich Regisseur Krüger in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm selbst eine sehr hohe Meßlatte an und vernachlässigt dabei leider die psychologische Zeichnung seiner Figuren, so daß diese mit zunehmender Dauer des Films wie im luftleeren Raum agieren. Zudem verschenkt eine mitunter uninspirierte Regie zu offenkundig das zweifelsohne vorhandene Potential der Darsteller und so bleibt beim Betrachter am Ende der schale Beigeschmack hängen, einer gut gemeinten, letzten Endes aber handschriftlosen Fingerübung beigewohnt zu haben. Mit seinem zweiten Spielfilm WAS NÜTZT DIE LIEBE IN GEDANKEN war Achim von Borries an den Potsdamer Platz gekommen. Nach dem viel versprechenden Erstling ENGLAND! waren die Erwartungen relativ hoch gesteckt – aber ebenso hoch war auch die Fallhöhe. In von Borries’ jüngstem Werk steht die „Steglitzer Schülertragödie“ von 1927 nach 1929 und 1960 bereits zum dritten Mal im Zentrum eines Films. Die Gymnasiasten Paul Krantz und Günther Scheller befinden sich im Sommer jenes Jahres auf der Suche nach dem größten Glück, der bedingungslosen Liebe, dem Zenith im Leben – wie sie glauben – um an eben diesem höchsten Punkt im Leben aus demselben zu scheiden. Günther (großartig gespielt von August Diehl) setzt sein Vorhaben in die Tat um, während Paul (offenkundig schauspielerisch überfordert: Daniel Brühl), der leidenschaftliche Jungschriftsteller, Zweifel an dem Pakt zu hegen beginnt und schließlich wegen Günthers Suizid von der Polizei verhört wird. Achim von Borries begeht in WAS NÜTZT DIE LIEBE IN GEDANKEN leider einen elementaren dramaturgischen Fehler, indem er Paul die Geschichte retrospektiv in einer Rückblende erzählen lässt. Somit hat der Film bereits nach zwei Minuten sein einziges Geheimnis (wer stirbt und wer überlebt) preisgegeben, um in den verbleibenden rund 80 Minuten der Chronistenpflicht Genüge zu tun. Dabei wird die Motivation der Figuren, die in ihrem adoleszenten Fanatismus Liebe mit Sex verwechseln, mehr behauptet als psychologisch legitimiert, und alsbald macht sich nicht nur beim Zuschauer gediegene Langeweile breit. Ähnlich ergeht es einem in M.X. Obergs drittem Spielfilm THE STRATOSPHERE GIRL. Emotionslos begleitet man das Treiben der jugendlichen Comic-Zeichnerin Angela aus Köln in der fremdartig wirkenden Stadt Tokio, die ihre dortigen Erlebnisse in Bildergeschichten festhält, woraufhin sich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zunehmend auflösen. Anstatt sich auf den visuellen Grundkonsens seines Stoffes zu verlassen, überlagert Oberg seine Bilder mit der enervierenden Voice Over seiner Protagonistin, die das Sichtbare auf der Tonebene abermals illustriert. THE STRATOSPHERE GIRL scheitert somit eindeutig am mangelnden Glauben an die eigenständige Kraft der Bilder bzw. am Mut zum konsequenten visuellen Erzählen. Im Wettbewerb der Berlinale gab es mit Romuald Karmakars DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER einen veritablen Skandal: Allerdings war es nicht der Film, der ihn verursachte, sondern das Publikum mit seinem indiskutablen Verhalten während der ersten Wiederholung im Kino Royal-Palast. Dass Karmakars neues Werk ein zutiefst sperriges Unterfangen ist, hatte sich nach der Premiere am Vorabend schnell herumgesprochen. Nun strömten die Massen in die zweite Vorführung und kamen bereits nach 20 Minuten ihrer Vorverurteilung des Films nach, indem sie jede einzelne Dialogzeile mit Hohn, Spott und Gelächter quittierten – eine Hinrichtung mit Ansage. Karmakar macht es dem Zuschauer in DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER in der Tat nicht leicht. Er erzählt vom Ende einer Beziehung, deren letzte Nacht angebrochen ist. Eine Kommunikation findet nicht mehr statt, die junge Frau und der junge Mann reden schon seit geraumer Zeit aneinander vorbei. In streng durchkomponierten Bildern lässt Karmakar seine Protagonisten die Räume durchwandern, doch immer wieder stoßen sie gegen die unüberwindbare, unsichtbare Wand, die sich zwischen ihnen aufgebaut hat. DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER ist ein Kammerspiel, das dem Betrachter keinen einfachen Zugang bietet, vielleicht sogar einen solchen mit seiner artifiziellen und bisweilen angestrengten Sprache eher versperrt. Aber bei der weit verbreiteten infantilen Beliebig- und Belanglosigkeit, die sich in jüngster Zeit im deutschen Kino breit gemacht hat, tut es gut, wenn es hierzulande noch Filmemacher gibt, die auf mehr aus sind, als bloß zu gefallen – auch wenn das Berlinale-Publikum dies nicht sehen wollte (oder konnte). Der goldene Bär für Fatih Akins GEGEN DIE WAND kam ebenso überraschend wie verdient. In einem generell eher uninspiriert wirkenden Wettbewerb ragte die unprätentiöse und direkte Filmsprache, mit der Akin seine Geschichte von der jungen Deutsch-Türkin Sibel erzählt, die in Hamburg eine Scheinehe mit Cahit eingeht, um ihren familiären Zwängen zu entfliehen und ihr Leben selbst zu gestalten, einsam empor. GEGEN DIE WAND ist ein schnörkelloses und fern jeglichen Manierismus’ inszeniertes Stück Kino-aus-dem-Bauch, über dessen ansatzweise vorhandenen dramaturgischen Stolpersteine man gerne hinwegsieht. Akin legt von Beginn an ein derart hohes Erzähltempo vor, das er bis zum Schluss konsequent durchzuhalten vermag; fast möchte man ihm manchmal zurufen, für einen Moment innezuhalten und seinen tragischen Figuren eine kurze Verschnaufpause zu gönnen, so atemlos und vital erscheint die Vielzahl seiner dramaturgischen Wendungen. Mit dem Goldenen Bären für GEGEN DIE WAND hat der ehrlichste Film im Wettbewerb gewonnen. Akins Werk war bei weitem der positivste Eindruck, den das deutsche Kino bei der diesjährigen Berlinale hinterlassen hat. Dies ist umso erfreulicher, wenn man bedenkt, dass GEGEN DIE WAND letztendlich auch ein Plädoyer für das (vernachlässigte) Autoren-Kino hierzulande ist.
Die „Cahiers du Cinéma“ titeln in ihrer aktuellen Ausgabe: „Das junge deutsche Kino erwacht.“ Auf der diesjährigen Berlinale war davon, abgesehen von Fatih Akins Triumph, leider nicht viel zu sehen. Aber vielleicht bedarf es einer Angela Schalenec, die diese Hoffnung mit MARSEILLE untermauert. Ohne eine zu große Last auf ihren Schultern ablegen zu wollen, im Mai wird man sich ein Bild machen können – in Cannes.