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En attendant Arnaud Desplechin

Während der 5. Französischen Filmwoche, die vom 1. bis zum 6. Juli in Berlin stattfindet, kann man unter anderem auch Bekanntschaft mit dem Werk eines der interessantesten zeitgenössischen Regisseure Frankreichs machen: Arnaud Desplechin - in Frankreich etabliert, in Deutschland bislang ignoriert.

Der Blick über den eigenen Tellerrand, er fällt gezwungenermaßen zunehmend schwerer. Filme aus unserem Nachbarland Frankreich, seit jeher die qualitativ und quantitativ produktivste Filmnation auf diesem Kontinent, gelangen seit Jahren nur noch vereinzelt auf hiesige Leinwände - Tendenz sinkend. Vor diesem Hintergrund erlangen Veranstaltungen wie zum Beispiel die nun bereits zum 5. Mal stattfindende Französische Filmwoche elementare Bedeutung, bieten sie doch die seltene Gelegenheit, sich innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens einen groben Überblick über die Vielfalt der jüngsten französischen Produktionen zu verschaffen. Denn die meisten der in den kommenden Tagen in Berlin projizierten Filme haben keinen deutschen Verleih und werden demnach hierzulande auch keine reguläre Kinoauswertung erfahren - die Entmündigung des deutschen Kinozuschauers schreitet unaufhaltsam voran.

Les soeurs facheesDer diesjährige Schwerpunkt der Französischen Filmwoche ist Arnaud Desplechin gewidmet, der gleich mit vier Filmen an der Spree vertreten ist. Desplechin, 1960 geboren und seit Anfang der 90er Jahre mit für die interessantesten Filme im französischen Kino verantwortlich, wurde unlängst von den Cahiers du Cinéma bereits heiliggesprochen. Desplechins Werk ist ein Kino der vordergründigen Widersprüche, das mit den formalen und inhaltlichen Gegensätzen der einzelnen Genres spielt, bisweilen gar experimentiert, und daraus seinen Reichtum an Vitalität schöpft. ROIS ET REINE, sein jüngstes Werk, das im vergangenen Jahr im Wettbewerb von Venedig vorgestellt wurde und die kleine Werkschau in Berlin nun eröffnet, bildet da keine Ausnahme. Desplechin verfolgt die vermeintlich unabhängig voneinander verlaufenden Schicksale seiner beiden Protagonisten Nora und Ismaël, deren Wege sich durch Bestimmung letzten Endes doch noch kreuzen, und die weitaus mehr verbindet, als es zunächst den Anschein hat. In COMMENT JE ME SUIS DISPUTÉ - (MA VIE SEXUELLE) verkörpert Mathieu Amalric einen jungen Mann, der sich zwischen drei Frauen wiederfindet, die wiederum für ihn, jede auf ihre Art, rätselhaft bleiben. Es entsteht das Porträt einer Generation, die sich mal verspielt, mal melancholisch gibt, und deren Mitglieder bei ihrer Flucht aus der Stagnation doch immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen werden. Die Vielfalt im Werk Desplechins offenbart sich weiterhin bei dem Geschäftswelt-Drama LÉO EN JOUANT DANS «LA COMPAGNIE DES HOMMES» sowie der in England gedrehten Verbeugung vor dem Theater mit dem Titel ESTHER KAHN.

Mit den Filmen von Arnaud Desplechin eröffnet die Französische Filmwoche die Gelegenheit, die Werke eines bis dato in Deutschland übersehenen Regisseurs zu goutieren - eine Entdeckung, die längst überfällig ist. Aber auch etablierten Autoren des französischen Kinos ergeht es hierzulande seit geraumer Zeit kaum besser.
CleanDie Liste ist lang: Jean-Luc Godard, Benoît Jacquot, Catherine Breillat, Lætitia Masson, Philippe Garrel, André Téchiné, Noémie Lvovsky, Alain Resnais, Jacques Doillon und Claire Denis - FilmemacherInnen, deren zuletzt entstandene Werke in hiesigen Kinos nicht regulär zu sehen waren. Dies trifft auch auf Olivier Assayas zu, dessen CLEAN nun zumindest die Französische Filmwoche beehrt. Wieder ist Maggie Cheung mit von der Partie, die, um das Sorgerecht für ihren Sohn zurückzugewinnen, von Kanada über London gen Paris reisen muß. Die Reise an sich steht bei einer weiteren, französisch-marokkanischen Produktion bereits programmatisch im Titel: In LE GRAND VOYAGE thematisiert Regisseur Ismaël Ferroukhi das schwierige Verhältnis von Vater und Sohn während der gemeinsamen Fahrt von Frankreich nach Mekka. Und auch bei Bertrand Tavernier hält es die Protagonisten nicht zu hause; eine Reise nach Kambodscha hinterläßt bei dem jungen Paar Pierre und Géraldine nachhaltig ihre Spuren. In der vergnüglichen Komödie UN FIL À LA PATTE (nach Georges Feydeau) versammelt Michel Deville Emmanuelle Béart, Charles Berling, Dominique Blanc und Jacques Bonnaffé vor der Kamera. Und was wäre eine Französische Filmwoche ohne Isabelle Huppert? In Alexandra Leclères Debütfilm LES SOEURS FÂCHÉES verkörpert sie eine gelangweilte und distanzierte Pariserin, die durch das Auftauchen ihrer Schwester vom Lande jäh gefordert wird.

Die kommenden sechs Tage in Berlin stehen ganz im Zeichen des französischen Films - nicht nur ein willkommener Anlaß, sich ein Bild von der Qualität des Filmschaffens jenseits des Rheins zu machen, sondern auch die Möglichkeit zu erkennen, daß originäres Filmemachen immer auch eng mit der Tradition und der Kultur einer kontinuierlichen Filmrezeption verknüpft ist. Eine Zusammenhang, den man hierzulande in den vergangenen Jahren auf sträfliche Art und Weise vernachlässigt hat.


Die Filme der 5. Französischen Filmwoche:

COMMENT JE ME SUIS DISPUTÉ... (MA VIE SEXUELLE)
Arnaud Desplechin | Frankreich 1996 | 178'
Mit Mathieu Amalric, Emmanuelle Devos, Denis Podalydès, Jeanne Balibar, Chiara Mastroianni u.a.


ESTHER KAHN
Arnaud Desplechin | Frankreich/Großbritannien 2000 |163'
Mit Summer Phoenix, Ian Holm, Frances Barber, Emmanuelle Devos u.a.


LÉO EN JOUANT DANS « LA COMPAGNIE DES HOMMES»
Arnaud Desplechin | Frankreich 2003 | 121'
Mit Sami Bouajila, Jean-Paul Roussillon, Hippolyte Girardot u.a.


ROIS ET REINE
Arnaud Desplechin | Frankreich 2004 | 150'
Mit Emmanuelle Devos, Mathieu Amalric, Catherine Deneuve, Maurice Garrel, Noémie Lvovsky u.a.


ADIEU
Arnaud des Pallières | Frankreich 2004 | 124'
Mit Michael Lonsdale, Aurore Clément, Olivier Gourmet, Laurent Lucas u.a.


CAUSE TOUJOURS !
Jeanne Labrune | Frankreich 2004 | 87'
Mit Victoria Abril, Jean-Pierre Darroussin, Sylvie Testud u.a.


CHOK DEE
Xavier Durringer | Frankreich 2004 | 105'
Mit Dida Diafat, Bernard Giraudeau, Florence Vanida Faivre u.a.


CLEAN
Olivier Assayas | Kanada/Frankreich/Großbritannien 2004 | 110'
Mit Maggie Cheung, Mary Moulds, Nick Nolte, Béatrice Dalle, Jeanne Balibar u.a.


DANS LES CHAMPS DE BATAILLE
Danielle Arbid | Belgien/Frankreich/Deutschland/Libanon 2004 | 90'
Mit Marianne Feghali, Rawia Elchab, Laudi Arbid u.a.


L'ENNEMI NATUREL
Pierre-Erwan Guillaume | Frankreich 2003 | 97'
Mit Jalil Lespert, Aurélien Recoing, Patrick Rocca, Doria Achour u.a.


UN FIL À LA PATTE
Michel Deville | Frankreich 2005 | 80'
Mit Emmanuelle Béart, Charles Berling, Dominique Blanc, Jacques Bonnaffé, Julie Depardieu, Sara Forestier u.a.


LE GRAND VOYAGE
Ismaël Ferroukhi | Frankreich/Marokko 2004 | 108'
Mit Nicolas Cazalé, Jacky Nercessian, Mohamed Madj u.a.


HOLY LOLA
Bertrand Tavernier | Frankreich 2004 | 128'
Mit Isabelle Carré, Jacques Gamblin, Bruno Putzulu u.a.


LE SILENCE
Orso Miret | Frankreich 2004 | 104'
Mit Mathieu Demy, Natacha Régnier, Thierry de Peretti u.a.


LES SOEURS FÂCHÉES
Alexandra Leclère | Frankreich 2004 | 93'
Mit Isabelle Huppert, Catherine Frot, Brigitte Catillon, François Berléand u.a.


VIPÈRE AU POING
Philippe de Broca | Frankreich 2003 | 100'
Mit Catherine Frot, Jacques Villeret, Jules Sitruk u.a.


Vorstellungen in den Kinos Cinéma Paris und Filmtheater am Friedrichshain.
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[Till Burandt von Kameke]
   30.06.2005

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